Der Weg ins Freie

Fanal des Widerstands: Matthias Koeppels „Selbstverbrennung des Oskar Brüsewitz“

Es klappt nicht mehr, nicht mehr so schnell, so leicht und so verläßlich wie früher. Jahrzehntelang hatte die Anklage genügt, um das Urteil nicht nur zu verkünden, sondern gleich auch zu vollstrecken. Es konnte jeden treffen, den Gottesmann Luther genauso wie den Staatsmann Hindenburg, den Attentäter Henning von Tresckow ebenso wie den Jagdflieger Werner Mölders, Publizisten wie Friedrich Sieburg, Musiker wie Wilhelm Furtwängler oder Sprachgelehrte wie Hans-Robert Jauss – sie alle sind Opfer der Blockwarte von links geworden.

Wen immer diese politisch korrekt verlogene Gesinnungsgemeinschaft ins Visier genommen hatte, war erledigt. Man durfte dann nicht länger mit ihm, sondern nur noch über ihn reden, und statt nach Antworten auf seine Fragen zu suchen, die eigenen Erinnerungen zu durchforsten und die der anderen zu prüfen, genügte es, sich öffentlich darüber zu erregen, daß es Leute gab, die immer noch so dachten, sprachen oder schrieben wie, sagen wir, Ernst Nolte.

Aber das klappt nicht mehr. Das Echo auf die unverblümten Worte, mit denen Uwe Tellkamp seinem Ärger über das stickige deutsche Meinungsklima Luft gemacht hat, ist anders ausgefallen, als die Drahtzieher des hochherrschaftlichen Diskurses das erwartet hatten. Statt des gewohnten Aufschreis gab es Verständnis und Zuspruch, sogar von links – für einen Rechten! Die Fronten wanken, die Lager geraten durcheinander, der Fortschritt hat die Richtung verloren.

Die Krise hatte sich längst angekündigt

Ganz überraschend kam das nicht, die Krise hatte sich längst angekündigt. Vielleicht das einzige, was von der großen Leidenschaft der Linken die Jahre überdauert habe, sei die Lust, zu unterscheiden, „wer zu uns gehört und wer nicht. Wer publizieren darf. Wer mit wem reden darf. Und wer Verräter an einer Sache ist, deren Umrisse keiner mehr kennt“: so Christian Semler, der sich als Anführer einer blutigen Straßenschlacht einen Namen gemacht hatte, vor immerhin schon 25 Jahren.

Fatalismus und Besitzstandsdenken, das war die Botschaft seit dem Zusammenbruch im Osten. Entzaubert durch den Bankrott des real existierenden Sozialismus, hatte die Linke nicht mehr viel zu bieten; ihre klügeren Köpfe wußten das und gaben das auch zu. Beim Marsch durch die Institutionen hatten sie aber Erfahrungen im Umgang mit der Macht gesammelt und die Annehmlichkeiten, die der Besitz einflußreicher (und einträglicher) Positionen mit sich bringt, schätzengelernt. Die wollten sie nicht wieder hergeben, schon gar nicht an die Rechten.

Das ging so lange gut, wie es, bedingt durch die Widrigkeiten der deutschen Geschichte, eine satisfaktionsfähige Rechte nicht gab. Die Linke tat auch alles, um die Deutschen im Zustand dieser selbstverschuldeten Unmündigkeit festzuhalten und die Rückkehr zur politischen Normalität, die das gesamte Spektrum von links bis rechts umfaßt hätte, zu verstellen. Das ist ihr auch gelungen, auf Zeit zumindest; verhindern konnte sie die Rückkehr aber nicht. Sie hatte sich auf einen Kampf gegen die Zeit eingelassen, und den hat sie verloren.

Der Geist steht nicht mehr links

Daß der Geist, wie die bekannte Floskel will, tatsächlich einmal links gestanden hat, wird man im Blick auf das, was diese Richtung vor langer Zeit einmal geleistet hat, gern glauben; daß er dort immer noch steht, aber nicht. Es ist ja doch schon ziemlich lange her, daß Adorno nach einer Begegnung mit Ernst Bloch, dem Orakel der Studentenbewegung, Volksfrontkorruption und betriebsame Dummheit diagnostiziert hatte: Begriffe, die mir einfallen, wenn ich lese, was die Epigonen, die immer noch stolz darauf sind, irgendwie links zu sein, und sich beim Ausmalen dieses Irgendwie auf Bloch berufen, zu den Fragen einer Zeit, die aus den Fugen geraten ist, beizutragen haben.

Mit diesem Irgendwie finden sich die Leute nicht mehr ab. Sie haben genug von den Aufklärern, die ihnen nur deshalb aufs Maul schauen, um es ihnen gründlich zu stopfen. Genug von den Diskursethikern, die das Gespräch abbrechen, wenn es anders läuft, als sie sich das vorgestellt hatten. Genug von Volksvertretern, die das Volk als Pack, Mob und Gesindel beschimpfen, wenn es anders wählt als verlangt. Genug von den Pharisäern der Wissenschaft, der Kulturindustrie und der Kirchen, die dem lieben Gott öffentlich dafür danken, daß sie nicht so sind wie diese jämmerlichen Zöllner.

Die Rechte probt den Widerstand

Das lassen sich die Zöllner nicht gefallen. Sie stehen auf, gehen nach Hause, hören nicht mehr hin oder halten sich die Ohren zu, wenn ihnen der Verlust von Freiheit und Sicherheit als gerechter Preis für den Aufbruch in die schöne neue Welt der Vielfalt und der Toleranz aufgeschwatzt werden soll. Den wollen sie nicht zahlen, und damit haben sie auch recht. Der schöne Satz, daß Freiheit die Freiheit der anderen meint und ohne Sicherheit nicht zu haben ist, leuchtet ihnen ein. Mit dem haben die Linken recht.

Die Rechte tut, was die Linke gepredigt hatte, bevor sie Teil des Establishments wurde: sie probt den Widerstand. Leicht wird das nicht, ihr Widerstand wird auf Widerstand stoßen, denn Widerstand ist ja nur so lange erlaubt, wo nicht sogar geboten, wie er dem Fortschritt dient; und was Fortschritt ist, bestimmen nun einmal die Linken. Sie haben die Zeit ihres Aufstiegs nach oben genutzt, um sich in den Wandelgängen und Kasematten der Macht gut einzurichten. Und nie lang gezögert, mit der geballten Faust zuzuschlagen, wenn sie mit ihren zwingenden Argumenten nicht mehr weiterkamen. Das Klima ist rauh geworden und wird wohl auch so bleiben. Aber die Front bröckelt, und das ist ein Gewinn.

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Dr. Konrad Adam war Feuilletonredakteur der FAZ und Chefkorrespondent der Welt. Er gründete die Alternative für Deutschland mit und war bis Juli 2015 einer von drei Bundessprechern.

JF 14/18

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