Der Jet im Bauch der Antonow: Das ist seine Geschichte

Frachtflugzeug transportierte havarierten Flieger nach Nürnberg – vor 4 Stunden


Die ausrangierte Maschine trat im Bauch einer Antonow 124 ihre letzte Reise nach Nürnberg an.

Die ausrangierte Maschine trat im Bauch einer Antonow 124 ihre letzte Reise nach Nürnberg an.© Flughafen Nürnberg

Eines der größten Frachtflugzeuge sowjetischer Bauart, eine Antonow 124, landete Dienstagnacht in Nürnberg. An Bord hat sie einen zweistrahligen Jet, über den in den Medien in diesem Jahr mehrfach berichtet hatten. Es ist die Challenger 604, die am 7. Januar 2017 in die Luftwirbel eines Airbus A380 geriet und in der Folge über dem Arabischen Meer knapp einer Katastrophe entging.

Der kleine Flieger, der bis zu zwölf Passagiere aufnehmen kann, war auf dem Weg von den Malediven nach Abu Dhabi. Zum selben Zeitpunkt düste ein fabrikneuer Airbus A380, das größte Verkehrsflugzeug der Welt, von Dubai in Richtung Sydney in Australien. Beide Jets flogen mit dem vorgegebenen Höhenabstand von etwa 300 Metern in entgegengesetzter Richtung übereinander hinweg — zum Nachteil  der kleineren Challenger. Denn die geriet in die sogenannten Wirbelschleppen, sie flog also durch eine kompakte Turbulenzzone im Ge folge des Airbus, wie der Zwischenbericht der Braunschweiger Bundesstelle für Luftunfalluntersuchung (BFU) bestätigt.

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Antonow 124 in Oman

Hier landet eine Antonow 124 am Nürnberger Flughafen

Größer geht es kaum noch: Am Dienstagabend setzte eine Antonow An-124 zur Landung in Nürnberg an. Das Transportflugzeug, das sonst nur von Boeing oder von der Nato für militärische Zwecke genutzt wird, hatte zudem noch ein weiteres Flugzeug geladen.

Die Folge: Die im Jahr 2000 gebaute Challenger dreht sich mehrfach um die eigene Achse und stürzt in weniger als 30 Sekunden 2650 Meter in die Tiefe. Passagiere und Flugbegleiter er leben Todesängste. Sie  prallen gegen die Decke und auf die Sitze, sie schreien, Möbel gehen zu Bruch. Schließlich bekommen die Piloten die Maschine wieder unter Kontrolle. Sie entscheiden, die Notluftlage zu erklären und landen in Muskat im Golfstaat Oman. Zwei Passagiere wurden durch den Beinahe-Absturz schwer, zwei weitere und eine Flugbegleiterin leicht verletzt. Sie kamen sofort ins Krankenhaus.

Sie durfte nicht mehr abheben

Noch bis Anfang der Woche war die Challenger auf dem Flughafen in Oman geparkt. Sie durfte nicht mehr abheben — obwohl sie keine äußeren Beschädigungen an Rumpf, Trag- und Leitwerk hatte. Nach Angaben des Herstellers Bombardier war die 20-Tonnen-Maschine bei der dramatischen Begegnung in der Luft mit dem Airbus allerdings Kräften ausgesetzt, die das zugelassene Limit für den Jet drastisch überschritten.

Die Challanger wurde ausrangiert, die Nürnberger Fluggesellschaft FAI er warb den aus München stammenden Privatjet, berichtet Unternehmensleiter Siegfried Axtmann. Für den Transport zum Albrecht-Dürer-Flughafen beauftragte die FAI die ukrainische „Antonov Company“.

Um die Challenger in die Antonow zu bekommen, haben Ingenieure in Oman die Flügel des Flugzeuges gestutzt und sie in kleineren Teilen in den riesigen Laderaum des ukrainischen Frachtflugzeugs gepackt. „Wir werden den Business-Jet demnächst ausschlachten“, sagt Axtmann. Die FAI betreibt selbst sechs Challenger des Typs 604. „Die Kabine und die Hülle des ausrangierten Fliegers nutzen wir für Trainingszwecke.“ Doch das Kapitel um den Beinahe-Absturz ist noch nicht beendet.

Der endgültige Bericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung liegt noch nicht vor. Im Zwischenbericht wird aber eine „Wirbelschleppen-Ar beitsgruppe“ zitiert, die bereits 2003 „dringend“ eine Überarbeitung der Sicherheitsabstände zwischen schweren und leichteren Flugzeugen empfohlen hatte. Ein BFU-Sprecher sagt: „Wir müssen klären, welche Maßnahmen verhindern können, dass so etwas wieder passiert.“ Die Experten prüfen, ob die Sicherheitsabstände verändert werden sollten.